Schülerunion = ÖVP?

Der Anlass zu diesem Bericht ist ein quasi alltäglich. Mitglieder der Schülerunion versuchten mir gegenüber wieder einmal zu argumentieren, dass die Schülerunion eine komplett parteiunabhängige Organisation ist.

Schülerunion? Wie einigen vielleicht bekannt ist, gibt es in Österreich zwei große Schüler_innenorganisationen, die bei Landesschüler_innenvertretungswahlen und den damit zusammenhängenden Bundeschüler_innenvertretungswahlen als Wahlvorschlag kandidieren (formal gibt es auf dieser Ebene ein Personenwahlrecht). Eine davon ist die Aktion kritischer Schüler_innen, die der SPÖ nahesteht (so erwähnt z.B. hier), stark gesellschaftspolitisch orientiert ist und etwa seit dem Ende der schwarz-blauen Regierung an Bedeutung verloren hat, die andere die Schülerunion, die der ÖVP nahesteht, 24 von 27 Landesschulsprecher_innen hält und höchstens auf einer bildungspolitischen Ebene agiert. Das dies im Jahr 2016 entpolitisierend und teilweise fast schon reaktionär ist, ist das eine. Das andere – und darauf möchte ich hier eingehen – ist ihre Haltung zur ÖVP.

Das die Schülerunion der ÖVP zumindest nahesteht, scheint allgemein bekannt zu sein. Österreichs führende Qualitätsmedien wissen es (beispielsweise StandardPresse), der ORF weiß es (u.a. hier) und auch auf wikipedia ist es zu lesen (hier ist vor allem der Verweis auf eine Presseaussendung des ehemaligen VP-Generalsekretärs Kaltenegger interessant, in der er die Schülerunion ganz offen als „ÖVP-Schülerverteter“ bezeichnet), nur die Schülerunion selber, die weiß es nicht. Sie selbst sieht sich als „eigenständiger Verein für Schülerinnen und Schüler“ und ganz klar ist natürlich: „die Schülerunion ist unabhängig“ (Zitat von Funktionären der Schülerunion).

Im Folgenden möchte ich dazu eine Reihe von Gegenargumenten darstellen:

— die Schülerunion nutzt zumindest auf Bundesebene die Räumlichkeiten der ÖVP, die Lichtenfelsgasse 7 in 1010 Wien.lichtenfelsgasse-su

lichtenfelsgasse-vp

— wann immer die Schülerunion mal wieder gut bei LSV-Wahlen abschneidet oder ein neuer Vorstand gewählt wird, wird ihr von Seiten der ÖVP gratuliert – JVP-Obmann Tirol und Landeshauptmann Tirol , Seniorenbund, Bundes-JVP, Bundes-VP. Am Landestag 2016 der Tiroler Schülerunion (deren Mitglieder ganz besonderes gerne ihre Unabhängigkeit betonen, siehe Zitate oben) waren unter anderem JVP Tirol-Obmann Dominik Schrott und Innsbrucker VP-Vorsitzender Franz Xaver Gruber als Gastredner anwesend – Ort der Veranstaltung war die traditionsreiche Studentenverbindung Austria zu Innsbruck (nachzusehen hier, man beachte auch die vielen Hütchen und Schärpen)

— die Verbindungen zwischen JVP/ÖVP und Schülerunion sind nicht von der Hand zu weisen. Ursprünglich gegründet wurde die Union höherer Schüler (UHS; wie die Schülerunion früher hieß) auf Bestreben der JVP und des Mittelschülerkartellverbandes (MKV), der „Jugendorganisation“ der Katholischen Studentenverbindungen (CV). Personelle Überschneidungen sind häufig, hier eine Auswahl: der SU-Vorsitzende des Jahres 15/16 Teil des Landesvorstandes der JVP Kärnten, der SU-Vorsitzende des Jahres 2011/2012 ist mittlerweile stv. Pressesprecher der ÖVP, der Bundesschulsprecher 2014/2015, den die SU stellte, sitzt mittlerweile im Bundesbüro der JVP. Das sind nur aktuelle Verbindungen, prominente ÖVPler, die einmal Mitglied der UHS oder SU waren, sind zu Genüge im wikipedia-Artikel aufgeführt (Lopatka, Karas, uvm.).

— die Finanzierung der Schülerunion ist schon etwas schwieriger nachzuvollziehen. Aktionen wie die gut gefüllten Semesterstartpakete finanzieren sich zweifelsohne durch Partnerschaften mit Unternehmen, die so leicht ihre Produkte und Werbung an eine wichtige Zielgruppe bringen können. Eine direkte Finanzierung durch die ÖVP scheint auf Bundesebene genau wie bei der auf ÖH-Ebene tätigen Schwesterorganisation, der Aktionsgemeinschaft, vermutlich (mittlerweile) nicht mehr gegeben.

 

Es lässt sich zusammenfassen: mit einem geringen Ausmaß an Recherche lässt sich bereits eine große Menge an Verbindungen zwischen Schülerunion und Österreichischer Volkspartei feststellen. Ob das nun für oder gegen eine unabhängige Organisation spricht, möge jede_r selbst beurteilen.

 

 

 

 

 

ortlos

wenn meine Schritte
auf Lagerhallenboden
durch Lagerhallen hallen
und von Wänden und Decken direkt
zurück in meine Ohren schallen
und in meinem Kopf
mit zig Gedanken toben

 

wenn ich in der Bahn
lang aus dem Fenster schau
bis mein Spiegelbild mich sieht
draußen hell und innen dunkel
und dazwischen alles grau

 

wenn eins plus eins
nicht zu rechnen ist
und zwei plus zwei drei ergibt
wenn Zahlen wie Zeit zerrinnen
kann eine Frist nicht beginnen

 

warte, warte, du fasst mich am Arm
sagst, hier irrst du
und richtest deine Brille
nicht die Zeit vergeht
wir vergehen
und ist dein Leben doch mal aus der Bahn
so bleibst du doch nicht stehen
dieses immer weiter
weiter, dieses Wort; lass dieses Wort los
denn erst durch innehalten
wird das Dasein groß

als ich den alten Jean Luc mal nach einer Geschichte fragte

Damals war ich schon lange, lange Zeit auf hoher See unterwegs, nur mit meinem kleinen Ruderboot und ein wenig Proviant. Ich war noch bedeutend jünger als heute, und konnte über 100 Meilen am Stück durchgehend paddeln, und das an einem einzigen Tag.

Gab es dort draußen auf dem weiten Ozean mal einen Sturm, fielen haushohe Wellen über mich her, und einmal wäre ich beinahe gekentert, doch 27 weiße Delfine retteten mich und mein Boot.

Eines ganz besonderen Tages während einer auch besonders langen Reise, es wird so der 49., oder auch der 701. Tag auf hoher See gewesen sein, war ich also auf dem großen, endlos weiten, blauen Meer unterwegs. Es war sicher kurz vor Mittag, als mir die Arme anfingen zu schmerzen; es war nämlich windstill an diesem Tag, der Himmel blau ohne eine einzige Wolke, soweit das Auge reichte; mein kleines, aus groben Flicken bestehendes Segel brachte mir rein gar nichts. Immer der roten Nadel meines Kompass nach, paddelte ich also Richtung West-Südwest. Oder war es doch Osten? Egal, jedenfalls war ich bestimmt schon viele tausend Meilen von irgendeinem Ufer entfernt.

Da mir also die Arme wehtaten, beschloss ich, eine Rast einzulegen und ein kleines Nickerchen zu machen. Ich aß ein wenig von dem kargen Rest altbackenen Brotes, der mir noch geblieben war, dann machte ich mir aus meinem Seesack ein Kissen und haute mich aufs Ohr.

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen hatte, als ich plötzlich von einem Ruck gegen mein kleines Boot geweckt wurde. Ich war anscheinend irgendwo gegen gestoßen. Noch ein wenig müde rieb ich mir den Schlaf aus den Augen und konnte daraufhin nicht glauben, was ich sah. Meine Nussschale war gegen eine sich über den ganzen Horizont erstreckende, himmelblaue Wand gestoßen. Ich streckte meine Hand aus, und siehe da, sie war aus Papier. Ja, richtiges Papier, aus dem auch die Bücher sind. Diese Wand aus Papier hatte exakt die Farbe eines wolkenlosen Nachmittagshimmels draußen auf dem Meer, sodass sie aus etwas größerer Entfernung wohl kaum auffallen mochte. Verwundert fragte ich mich, was ich nun machen sollte. Ich traf einen womöglich nicht sehr weisen und auf keinen Fall schlauen Entschluss, aber damals war ich ja noch jung und neugierig. Ich holte mein großes Messer heraus, schwang es ein paarmal hin und her, und schon hatte ich ein großes Loch hinein geschnitten. Ich nahm meine Ruder und bewegte mein Boot langsam hindurch. Und was ich dann sah werde ich wohl nicht einmal dann vergessen, wenn ich gestorben bin.

Zuerst war ich geblendet. Nicht vor irgendetwas hellem, nein, von der seltsam märchenhaften Schönheit dieses Ortes. Hinter der Wand aus Papier hörte das Meer auf, nur an der Stelle, an der ich durch sie hindurch gekommen war, befand sich, wie als hätte jemand meinen Besuch im voraus geahnt, eine kleine Anlegestelle, die exakt auf mein kleines Boot zugeschnitten war.

Doch nun, was sah ich da hinter der Papierwand? Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, es zu beschreiben. Doch ich werde mit dem Licht dort anfangen. Könnt ihr euch einen wolkenlosen Mittsommerabend vorstellen? An dem die Sonne gerade untergegangen ist, und nur noch die die hohen Bergspitzen im Gebirge von den feinen Fühlern der Sonne betastet werden?

Dazu kam noch, dass der Himmel bis zum Horizont, an dem man noch die vergangenen Strahlen der Sonne zu sehen glaubte, mit funkelnden Sternen übersät war. Abertausende und Abermillionen waren es. Und der Horizont…es gab dort keinen Horizont. Jedenfalls kam es mir nicht so vor. Irgendwie konnte ich immer weiter und weiter sehen, bis ans Ende der Welt, falls ich nicht schon dort war.

Dann der Boden. Noch nie in meinem ganzen Leben mit seinen 9013 Abenteuern habe ich so einen Boden gesehen. Hart sah er aus, wie das Pflaster auf der Straße, und doch war er weich zu meinen Füßen wie der allerfeinste Sand des allerschönsten Strandes der Welt.

Lasst mich kurz unterbrechen: Wie soll ich diesen Ort, dort am Ende der Welt, denn überhaupt nennen? Habt ihr eine Idee? Nein? So will ich ihn nicht Papierwandland nennen, und auch nicht Weltendewelt, sondern… das Land mit den vielen Eigenschaften, ja, das klingt gut.

Gut, ich war also in dem Land mit den vielen Eigenschaften mit meinem kleinen Boot gelandet, mit einem Mittsommernachtshimmel, und einem Feinstersandstrandboden. Und wenn es bis jetzt den Anschein hatte, dass diese Welt leer sei – so war sie es keineswegs, im Gegenteil. Wenige Meter von der Papierwand und meiner Anlegestelle entfernt begann eine breite Straße, beinahe ein Boulevard, der mit hellen Fließen belegt war, und in regelmäßigem Abstand von klassischen Straßenlaternen nebst großen Platanen bewacht wurde. Und ringsherum lag ein Garten mit unendlichen Reihen von Hecken und Beeten. Und ganz am Ende der Straße stand ein Haus. Nein, kein Palast und kein Schloss. Eher eine alte Villa, wie man sie im Süden häufig sieht. Wie weit sie genau von mir entfernt war, kann ich nur schwer sagen, denn wie, glaube ich, schon gesagt, waren Entfernungen dort sehr relativ.

Auch der Himmel war nicht leer. Hoch, hoch oben schwebten unzählbar viele Tische umher, Tische aus dunklen Holz, quadratisch und mit vier Beinen, ja, sie schwebten, denn Fäden oder Stützen vermochte ich keine zu sehen. Auf diesen Tisch standen Dinge und auch Personen. Der mir am nächsten schwebende, in nur geringer Höhe von gut zwanzig Metern, wurde von einer großen Pendeluhr beansprucht. Und auf dem daneben sah ich einen alten Schwarzbären mit silbernem Haar sitzen. Und neben dem Bären, der soeben das Maul weit öffnete und gähnte, schwebte eine Prinzessin tanzend auf der kleinen Tischfläche. Doch sie bewegte sich, als würde sie ihre direkte Umgebung nicht wahrnehmen. Als wäre sie ganz woanders. Wie ich schon sagte, diese Tische bedeckten den ganzen Himmel, immer mit einem Abstand von vielleicht zehn Metern zu einander. Und immer höher schwebten sie, sodass ich die höchsten nicht erkennen konnte. Wer weiß, womöglich erstreckten sie sich endlos weiter. Alle Tische selbst bewegten sich wie Fische in einem großen Schwarm, ruhig und gleichmäßig im einen Moment, im anderen wieder abrupt in einer steilen Kurve die Richtung wechselnd. Es war richtig unheimlich, und ein kalter Schauer lief mir den Rücken herunter. Der Sinn und Zweck von alldem blieb mir verborgen.

Als ich endlich meinen Blick abwenden konnte, und mich aus meiner staunenden Erstarrung löste, beschloss ich, zu dem geheimnisvollen, den leichten Schein des Seltsamen ausstrahlenden Haus am Ende der Straße zu spazieren. Ich stieg aus dem Boot, in dem ich bis jetzt wie gefesselt geblieben war und setzte zum ersten Mal Fuß auf dieses märchenhafte Land. Ich erwartete schon das Schlimmste, doch nichts geschah. So ging ich weiter und befand mich bald auf der Straße. Links und rechts wurde sie von den Hecken des Gartens begrenzt. Ich blieb kurz stehen, um mir den Garten genauer anzusehen, da wartete die nächste Überraschung auf mich. Die hüfthohen Hecken waren keine Hecken. Die rechteckigen Beete waren keine normalen Beete. Der unendliche, riesengroße Garten war kein normaler Garten.

Statt Hecken mit Blättern und Wurzeln sah ich nun kleine, lange Regale mit Büchern darin. Vielen Büchern, dicken und dünnen, großen und kleinen, neuen und alten. Die Beete, die ich gesehen hatte, waren zwar rechteckig und mit runden Steinen umrandet, aber statt lebendiger Erde lagen dicke Schichten ausgerissener, pechschwarzer Buchseiten dort. Und aus diesen Seiten heraus wuchsen wunderschöne, blutrote Rosen. Ich war verwirrt. Ich konnte mir das nicht erklären. Wer hatte diese immense Masse an Büchern dorthin gebracht? Mit ein wenig Überwindung fasste ich den Entschluss, eines der Bücher aus den Regalen zu nehmen. Es war schon ein ziemlich dickes und sehr schweres Buch mit vielen Seiten. Ich öffnete es vorsichtig, und ganz plötzlich, mit einem wie aus dem Nichts kommenden Windstoß wurden alle Seiten aus dem Buch gewirbelt, hoch in die Luft hinauf und landeten dann in verschiedenen Beeten, wo sie gerade mochten. Und ehe ich mich versah, war das nun seitenleere Buch in meinen Händen zu Staub zerfallen.

In diesem Moment fiel mir etwas auf. Seit ich in dem Land mit den vielen Eigenschaften war, hatte ich noch keinen einzigen Laut vernommen. Nicht das Schlurfen meiner Füße auf der gepflasterten Straße, und auch sonst keine noch so kleine Regung. Nur der Wind, der die Seiten aus dem alten Buch heraus wirbelte, hatte ein unheilvolles, düsteres Rauschen gehabt. Ich klopfte mir meine staubigen Hände an meiner Hose ab, und ging weiter auf die seltsame Landvilla am Ende des Boulevards zu. Weit schien sie nicht mehr entfernt zu sein, vielleicht 500 Meter oder sogar weniger. Doch je weiter ich ging, desto mehr schien dieses seltsame Gebäude in einem sanften Dunst am Horizont zu verschwinden.

Sicher zwei Stunden ging es so weiter. Mit jedem Schritt, den ich machte, schien mein Ziel in noch weitere Ferne zu rücken. Bis sich dieser Effekt auf einmal umkehrte. War ich eben noch zu weit weg, um den Eingang genau zu erkennen, stand ich nach wenigen Schritten plötzlich unmittelbar davor. Verwundert schüttelte ich den Kopf.

Die Villa war aus der Nähe gar nicht mehr so imposant, wie es von der Papierwand aus gewirkt hatte. Es hatte viele, verschieden große Fenster und war mit einem hellen, erdfarbenen Putz überzogen. Das Dach bestand aus roten, gebrannten Schindeln, von denen einige schon zerbrochen waren und manche auch heruntergefallen waren und jetzt zu meinen Füßen lagen. Von außen hatte das Haus keinerlei Dekoration oder ähnliches, wenn man von vereinzelten Rankpflanzen absieht, die sich in unregelmäßigen Abständen die Wände hochwanden. Drei Stufen und eine halbe führten herauf zum Eingang, einer großen Tür mit zwei Flügeln, die nun völlig lautlos und wie von Geisterhand aufschwangen. In Inneren des Hauses war es vollkommen dunkel, dunkel wie die Nacht.

Ich ging langsam auf den Eingang zu, und verschwand in der Finsternis. Ich sah mit einem Mal Licht am Ende von irgendetwas, denn ich wusste nicht, wo ich gerade gelandet war. Ohne einen gewissen Plan – das ist übrigens die beste Art, jegliche Art von Katastrophen heil zu überstehen – ging ich auf das Licht zu, das sich als eine einsame Glühbirne entpuppte, die an einem Kabel von irgendwo hoch oben herab hing. Der Lichtkegel, den sie warf, war nur sehr klein, mir kam es vor, gerade groß genug, um einen Menschen aufzunehmen. Ich blieb in ihm stehen und schaute nach oben. Das Licht ging aus.

So wahr wie ich jetzt hier bin und euch diese natürlich vollständig wahre Geschichte erzähle, ich kann mich nicht erinnern, was dann geschah. Nur als mein Verstand seinen Dienst wieder ordentlich verrichtete, war ich oben. Ganz oben. Weiter oben konnte man nicht sein, und das, obwohl das Universum ja unendlich sein soll. Ich war am oberen Ende des Himmels angelangt, schwebte frei in der Luft, nein, nicht frei, gehalten wurde ich von einer gigantischen Menschenhand. Und dann, wie aus dem Nichts, kam von oben, obwohl ich ja schon ganz oben war, eine Stimme: „Wie zum Teufel kommst du denn hier her. Nun aber schnell zurück in deine Welt. Komm wieder, wenn du wirklich die Not hast, zu mir zu kommen!“ Und dann ließ mich die Hand fallen, die Hand, die mir eigentlich so vertrauenswürdig vorgekommen war.

Also fiel ich. Von ganz oben kann man weit fallen. Wenn man von ganz oben fällt, oben sieht man viel auf dem Weg nach unten. Wenn man denn die Zeit dazu hat, denn manchmal fällt man sehr, sehr schnell. Bei einem Fall von ganz oben ist einfach alles möglich.

Ich fiel durch alle Welten. Wurde beinahe von Dinosauriern gefressen. Jagte gemeinsam mit anderen ein Mammut. Erlebte die Eiszeit und den Brand Roms. Ich ritt mit den Barbaren. Sah Kriege und Zeiten voller Frieden und Wohlstand. Wer weiß, wie lange ich unterwegs war durch die Welten. Viel zu lange, um jetzt davon zu erzählen. Zuletzt kam ich in unsere Welt – es war nicht die Beste.

Noch immer fiel ich, jetzt durch freien Raum. Ich sah Punkte. Punkte wurden zu Menschen. Menschen, die ich von oben nicht gesehen hatte. Ich war nun zwischen ihnen, fast ganz unten. Es waren wieder die Menschen, Tiere, Lebewesen allgemein, Dinge auf ihren Tischen, die ich bei der Ankunft im Land mit den vielen Eigenschaften schon gesehen hatte. Dann landete ich ganz plötzlich und ganz sanft wieder auf dem Boden vor der Villa. Weich war er wie Sand.

Ganz benommen stand ich da. War ich doch Äonen unterwegs gewesen, so kam mir Zeit doch kurz vor wie eine Sekunde im Angesicht der Ewigkeit.

Mit einem Male spürte ich, dass ich nicht mehr alleine war. Irgendwas oder irgendwer stand direkt hinter mir, kaum zwei Meter entfernt. Und schließlich hörte ich die Stimme, dieselbe, die wohl auch zu der Hand ganz oben gehört hatte: „Diese Tür war nicht für dich bestimmt. Noch nicht. Doch warte noch einige Jahre, und du wirst hierher zurückkommen, und diese Tür durchschreiten dürfen.“ Abermals lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter, und langsam drehte ich mich um. Ein kleiner Mann stand vor mir, der auf seltsame Weise uralt und trotzdem unglaublich jung zugleich wirkte. Obwohl er so klein war, schien er doch auf mich herab zu schauen. Das ist auch so ziemlich das Einzige, dass ich noch von ihm weiß. So sehr ich mich anstrenge, ich kann mich an sein Aussehen nicht mehr erinnern. War er weiß oder schwarz? War er nun grauhaarig, oder hatte er gesundes, rotes Haar? Hatte er ein altes, faltiges Gesicht, oder junge, ebene Haut? Ich zweifle ja sogar, dass er überhaupt ein Mann war, und keine Frau. Nur an seine Worte kann ich mich ganz genau erinnern. Er lud mich ein, mit ihm eine Runde spazieren zu gehen.

So gingen wir los. Wir gingen nicht auf der Straße zurück, über die ich gekommen war, sondern wandten uns nach links. Eine Weile lang liefen wir schweigend nebeneinander her, ohne zu sprechen. Hier, genau parallel zur Papierwand, befand sich eine kleinere Ausgabe des großen Boulevards, der von meiner Anlegestelle zu dem Landhaus geführt hatte. Nach einigen Minuten erreichten wir eine mit seltsamem Gras bewachsene Wiese. Es war ein Gras, wie ich es noch nie im Leben erlebt hatte. Es war so ganz anders wie das Gras, das wir hier kennen. Ich kann es nicht beschreiben, jeder Versuch wäre zwecklos.

Von dieser Wiese zweigten mehrere kleine Wege beziehungsweise Pfade ab und führten zwischen die Regale, die mich so an Hecken erinnerten. Der kleine Mann nahm den ersten Pfad, der steil nach links wies. So betrat ich das Labyrinth der Bücherregale.

Ich war schwer überrascht, und rieb mir die Augen vor Verwunderung. Die hüfthohen Regale von vorhin erstreckten sich nun bis zu einer Höhe von über zehn Metern in den Himmel. In dem kleinen Spalt freien Himmels, der zwischen den Regalwänden noch zu sehen war, sah ich immer noch die seltsamen Tische hoch über mir schweben. Gerade eben hatte ich noch von oben auf sie herab geschaut, jetzt flößten sie mir wiederum Respekt ein.

Hatte der alte Mann auf dem ganzen Weg nichts zu mir gesagt, so blieb er nun auf einmal stehen. Er streckte die Hand zu dem Buchregal aus, und nahm ein noch eher dünnes, neues Buch heraus. Dann begann er mit einer geheimnisvollen Stimme zu murmeln: „In diesen Büchern, mein Junge, in diesen Bücher steht das Leben geschrieben. In ihnen steht die Geschichte des Lebens, und so auch die Geschichte der Welt. Doch wenn ich eines von ihnen aufschlage“, er schlug das Buch

auf, „vergeht das Leben.“ Wieder flogen viele weiße und eng beschriebene Seiten hoch in die Luft, verschwanden hinter den Regalwänden oder landeten in einem nahen Rosenbeet. „Dieses Leben ist nun vergangen.“ Er ging ein paar kleine Schritte weiter, und holte wiederum ein Buch aus dem Regal. „Dies hier ist dein Buch.“ Mein Buch war relativ dick, aber auch noch neu. „Du hast bereits eine Menge erlebt in deinen wenigen Jahren. Kaum jemand hatte wohl ein so erfülltes Leben wie du in deinem jetzigen Alter.“ Ich begriff nicht ganz. „Mein Buch…?“, sagte ich fragend. Der alte Mann bedeutete mir mit einem Handzeichen, zu schweigen. „Jawohl, dein Buch. Jedes Lebewesen der Welt hat in meinem Garten ein Buch. Jede Pflanze, jedes Tier und auch jeder Mensch. Sieh nach oben. Siehst du die fliegenden Tische? Auf jedem von ihnen – ein Lebewesen, ein Ding. Ein Lebewesen – ein Buch – eine schwebende Plattform. Doch dein Leben ist hier noch nicht zu Ende.“ Er stellte das Buch wieder in das Regal. Erleichtert atmete ich auf. Ohne es zu merken, war ich, während er das Buch in der Hand hielt, deutlich nervöser geworden. Kalter Schweiß rann mir den Nacken hinunter. Was, wenn er es geöffnet hätte? Wären aus meinen Seiten bald rote Rosen gewachsen?

„Gehen wir ein Stück weiter. Sind dir die Beete bereits aufgefallen?“, fragte er. Ich nickte langsam. Wir gingen weiter, bis sich vor uns ein kleiner Platz auftat. Auch hier befand sich wieder eines der Beete mit den seltsamen, blutroten Rosen. „Hier ruhen die Seelen der Vergangenen. Pflücke eine“, sagte der alte Mann. Derart aufgefordert ging ich neugierig näher heran. Zu meinem Erstaunen erkannte ich, das einige der Rosen Dornen hatten, und andere nicht. Ich griff nach einer von jenen ohne Dornen, und sie löste sich beinahe freiwillig aus den vielen schwarzen Buchseiten heraus. „Nichts ist ewig, Robinson.“ Mein Name. Die Stimme des Alten hatte einen ganz sanften, beinahe fürsorglichen Ton angenommen. „Alles vergeht. Lebe dein Leben so, dass du am Lebensabend nichts bereust. Und nun rieche an der Rose.“

Ich atmete tief ein. Der Duft der Rose war betörend und wunderschön. Ich schloss meine Augen, um den Geruch dieser Rose ganz aufzunehmen. Und als ich sie wieder öffnete, war alles um mich herum verschwunden. Nur das Meer war noch da, mein Boot und die Wellen.

ganz groß

Nichts zu sehen

So sitz ich hier und schreibe
damit ich für immer bleibe
denn Erinnerungen verblassen
sind nicht mehr zu fassen
doch Worte, die bleiben
darum bin ich am Schreiben

Und jeden Tag ging ich zum Meer und setzte mich hin und schaute es ganz lange an, bis ich sicher sein konnte, dass es mir zuhörte. Ich saß also im Sand, kein Mensch war zu sehen außer mir selber, doch das zählte nicht. Der Sand war kalt, doch das war mir egal, und der Wind wehte kräftig, doch das war mir ebenfalls egal, er war so kräftig, dass er mir die Gischt der Wellen ins Gesicht wehte, doch das war angenehm, weil mein Gesicht dann so aussah, als würde ich weinen. Aber da ja eh niemand da war, der meine Meerwassertränen hätte sehen können, und meine Traurigkeit hätte fühlen können, war mir das ebenfalls vollkommen egal. Es wäre mir auch egal gewesen, wenn jemand da gewesen wäre, denn irgendwie war mir an diesem Tagen alles egal.
Nur das Meer, das sollte mir zuhören, und deshalb schaute ich es solange an, bis ich ganz sicher sein konnte, dass ich jetzt seine ganze Aufmerksamkeit hatte. Meist dauerte das eine Zeit, und so konnte ich darüber nachdenken, was ich denn dem Meer gerne erzählen würde. Eigentlich hätte ich am liebsten gar nichts erzählt, weswegen man nicht von gerne sprechen kann, nein, von gerne kann überhaupt nicht die Rede sein. Doch ich musste, ich musste so dringend.

“Meer, hörst du mich?” Das Meer rauschte. Manchmal nahm ich es ihm etwas übel, dass es nicht antwortete, aber ich wusste, dass keine Antwort auch eine Antwort war, und so redete ich weiter.
“Meer. Ich muss mit dir reden. Irgendetwas stimmt nicht.”

war denn mal winter

Meine Umgebung lag um mich herum, als hätte sie jemand mit schnellen Strichen hingefetzt, um mir einen Käfig zu bauen, um mich an meinen Plänen zu hindern. Darüber war es weiß. Alles andere war auch weiß, allerdings war es, als wären die schnellen Striche hier mit einem etwas anderem Weiß gemacht worden. Das Weiß des Himmels ist ein anderes Weiß als das der schneebedeckten Häuser, Masten, Laternen, Straßen, Menschen, Seelen. Es ist etwas grauer, könnte man sagen, wenn das Weiße denn verschieden sein kann.
So ungefähr sah es aus, an dem Tag, an dem ich mich von meinem Herz verabschiedete, an dem Tag, als ich es davon schicken musste, damit es nicht verdorben wird von dem, was sich in mir abspielt, damit es in der Ferne suchen kann, was es in der Nähe nicht findet.
Noch hielt ich es, am Ende der Sackgasse, in die ich mich verlaufen hatte, umgeben von hässlichen Nachkriegshäusern. Es schneite so stark, dass die Mauern der Häuser, die versuchten, ein bisschen bunt zu sein, ihre Farbe nicht wirklich zur Geltung brachten konnten, und so, dachte ich mir, war es eine wirklich farblose Welt, die mein Herz hinter sich lassen würde. Eine Welt ohne Lichtblick, denn alles Licht war diffus, und irgendwo schien es zwar Licht zu geben, irgendwo am Himmel, aber das war weit weg, gedämpft, und würde sich wohl auch von selbst nicht mehr zeigen an diesem Tag im Winter, als mein Herz von mir auf Reisen geschickt wurde.
Ich brauchte es gar nicht drängen. Ich brauchte es nicht stoßen oder anschubsen. Ich brauchte es nicht sanft von mir wegschieben, wie eine Mutter ihr Kind vor dem ersten Schultag, mit einem Lächeln, das so vieles wusste, aber so wenig sagte. Nein, ich brauchte nur jenen kleinen Draht lösen, der in meinem Inneren noch alles zusammenhielt, und auf einmal löste sich alles auf, es fiel alles zusammen wie ein Kartenhaus, es schmolz dahin wie eine dünne Schicht weißen Schnees, der sich in einen heißen Sommertag verirrt hatte.
Mein Herz setzte sich von selbst aus in Bewegung, ich konnte es zwar nicht direkt von mir weggleiten sehen, aber ich sah, dass die Schneeflocken auf einmal anders fielen, sie wichen aus, flogen herum um einen Gegenstand, der nicht groß war und nicht klein, der nicht reich war und nicht arm, der nicht weich war und nicht hart. Das war mein Herz, und mein Herz hatte sich auf den Weg gemacht. Wohin? Immer dieser Straße entlang, bis es wusste, dass es angekommen war. Und da die meisten Straßen mit anderen Straßen verbunden sind, und man auf Straßen beinahe unendlich weit reisen kann, wusste ich nicht, wie lange mein Herz brauchen würde, bis es weiß, dass es gefunden hat, was es sucht. Und sich dann auf den Weg zurück zu mir macht. Und darum beschloss ich, zu warten auf mein Herz, nicht zu warten, wie man beim Arzt im Warteraum wartet, nein, zu warten wie auf eine geliebte Person, die zu einer langen Reise aufgebrochen ist, aber bei der man sich sicher ist, dass sie eines Tages unversehrt und auf eine ganz besondere Art und Weise unverändert zurückkommen wird.

sturm

Man konnte die Windböen sehen, die den Regen über das Flugfeld trieben. Von dem Wald auf der anderen Seite der Startbahn wurden Blätter herab geweht, die nass auf dem Asphalt liegen blieben. Donnernde Tropfen schlugen auf das Wellblech des Hangars, in dem sich eine kleine Gruppe Menschen unter gestellt hatten. Gerade kam eine weitere Person heran gelaufen, die Jacke über den Kopf hochgezogen, sich gegen den Wind anstemmend.
„George, Meldung vom Tower. Die 16.50ziger Maschine ist immer noch nicht da. Sie meldet sich auch nicht über Funk.“
„Denen können wir nicht helfen.“
„Ich wollt´s dir nur sagen.“
„Schon gut. Danke.“
„Mann, wie das regnet. Bin ich vielleicht froh, jetzt nicht in einer verdammten Blechbüchse da oben drin zu sitzen.“
Ein lauter Donner erschütterte den Hangar, nachdem zuvor ein Blitz ganz in der Nähe eingeschlagen war.
Den Leuten im Hangar wurde kalt. Derart plötzlich hatte es zu regnen begonnen, dass sie nicht rechtzeitig ins Trockene gekommen waren. Einige hatten sich Zigaretten angezündet, und zitterten in ihren Lederjacken.
„Ich muss zurück. Die Arbeit ruft. Ach, dieser verdammte Sturm,“ fluchte der Mann, der vor ein paar Minuten aus dem Tower gekommen war. Er zog sich die Jacke wieder über den Kopf und rannte durch große Pfützen zurück über das Flugfeld. Auf einmal schlug ein gleißend heller Blitz in ihn ein, er fiel um und blieb regungslos liegen.
„Schade um den armen Kerl,“ murmelte ein Stimme im Hangar. „Allerdings habe ich nie richtig gemocht.“
Eine andere Stimme meinte: „Es musste ja so kommen. Jemanden, der immer so eifrig ist wie er, den erwischt es früher oder später halt.“
George schaute nur zum Himmel und flüsterte: „Ich hoffe nur, die 16.50ziger kommt noch. Sind gute Piloten drin. Aber ist leider eine verdammt alte Mühle. Hoffentlich laufen die Motoren nicht auch noch heiß.“
„Das ist immer ein Risiko,“ antwortete ein anderer. „Mal sehen, vielleicht hört es ja bald wieder auf.“ Er glaubte selber nicht daran. Pechschwarz war der Himmel noch immer.
„Soll heute aber ich mehr aufhören. Als wir drüben noch Radioempfang hatten, sprachen sie von einer breiten Gewitterfront, die einem Tief vorausläuft.“
„Zum Glück haben wir hier keine Tornados. Ich sag euch, ich war mal drüben in den Staaten, und hab so einen Tornado miterlebt. Der hebt auch die schwersten Postflugzeuge auf wie Spielzeuge.“
„Dafür haben wir Blitze. Gerade eben ist einer in den Tower eingeschlagen.“
„Hab ich auch gesehen.“
Der Regen auf dem Wellblech wurde leiser, es konnte aber auch sein, dass sie sich daran gewöhnten. Schweigen.
„Ich bleib dabei. Schade um den armen Kerl, auch wenn ich ihn nicht mochte.“
Stilles Nicken von den anderen.

die Welt geht zu Bruch

drögend düstern Wellen
donnern in mein Geist
ich sehe nur noch dunkel
und das auch noch vereist

kein Licht brennt heute
im Gedankenzimmer
in meinem Kopf
kein Hoffnungsschimmer

ich falle in das tiefe Loch der Bestie
die mich immer tiefer reißt
und aus mir heraus
große Herzensstücke beißt

Schmerz zuckt mir durch die Seele
wie ein Gewitter durch die Nacht
und der laute Donner
hat die Stimme zum Beben gebracht

Scherben vom zerbrochenen Spiegelbild
Spiegelbild meiner Welt
die Welt sie geht zu Bruch
zugrunde geht der Held